Walfang zur Selbstversorgung

Auch bei meinem Erkundungsrundgang durch Aasiaat fallen mir Wale – bzw. Teile von ihnen – in unterschiedlichen Erscheinungsformen auf. Da sind zum Beispiel die riesigen aufgestellten Kieferknochen eines Grönlandwals oder ganz tolle Wandmalereien mit Wal-Motiven. Dann entdecke ich eine offene – aber überdachte – Halle und neugierig werfe ich einen Blick hinein.

Zunächst stockt mir der Atem und ich brauche einen Moment, um zu realisieren, was dort vor mir auf den Tischen liegt. Frisches Walfleisch und Blubber! (Als Blubber wird die isolierende Fettschicht unter der Haut der Wale bezeichnet, die bei einigen Arten bis zu 50 cm dick sein kann.)

Obwohl ich mich dazu überwinden muss, mache ich einige Fotos. Auf dem Tisch ganz rechts in der Ecke liegt der frisch zerteilte Kadaver eines Schweinswals. Deutlich sieht man die kleine Fluke, die Finne und den Kopf mit dem einzelnen – für Zahnwale charakteristischen – Blasloch (Bartenwale haben zwei Blaslöcher).

Obwohl ich natürlich weiß, dass die indigene Bevölkerung der Arktis den quotierten Walfang zur Selbstversorgung, den sogenannten Subsistenzwalfang, betreiben darf, bin ich auf diesen Anblick nicht vorbereitet und entsprechend traurig. Aber ich denke auch, dass der Walfang zur Selbstversorgung mit anderen Augen betrachtet werden muss als der Walfang von Island, Norwegen und Japan. Dort sind in erster Linie wirtschaftliche Interessen ausschlaggebend und im Falle von Japan wird der Walfang in das Deckmäntelchen der Wissenschaft gehüllt.

Die Rembrandt Van Rijn

Die Rembrandt Van Rijn

Can you make a picture of me?

Langsam wird es Zeit den Rückweg zum Schiff anzutreten. Aus meinen Gedanken werde ich jäh herausgerissen, als ein kleiner Inuit-Junge mit seinem Fahrrad auf mich zusteuert und mich in Englisch anspricht: „Can you make a picture of me?“ Dabei strahlt er über das ganze Gesicht. Natürlich fotografiere ich ihn und zeige ihm das Bild im Display der Kamera. Er freut sich riesig und fährt zufrieden weiter.

Auf dem Segelschiff

Mittlerweile haben sich alle 20 Expeditionsteilnehmer an Bord der „Rembrandt Van Rijn“ eingefunden. Der 56 m lange und 7 m breite Dreimastschoner macht einen stolzen Eindruck.

Vor zwei Jahren erst wurde das Segelschiff neu umgebaut, restauriert und mit modernster Technik ausgestattet. Nachdem der Kapitän – Sven Holzhausen – sich und seine erfahrene neunköpfige Crew vorgestellt hat, sind noch Kasper Jaeger und der Expeditionsleiter Henryk Wolski an der Reihe.

In besten Händen

Henryk stammt aus Polen, spricht aber auch perfekt Deutsch. 2003 vollendete er als erster Pole und sechster Mensch weltweit die Umrundung des Nordpolarmeeres! Er hat viele große Expeditionen mit vorbereitet und durchgeführt. Außerdem war er an den spektakulären Arved-Fuchs-Expeditionen „Icesail“ (die vier Jahre dauerte) und „Auf den Spuren von Sir Ernest Shackleton“ beteiligt. Bei dieser außergewöhnlichen Reise segelte die vierköpfige Besatzung im Nachbau des historischen Rettungsbootes „James Caird“ von Elephant Island nach Südgeorgien und überquerte anschließend die mit Gletschern bedeckte Insel zu Fuß!

Es ist schon ein tolles Gefühl unsere Reise mit Henryk zu unternehmen. Im Laufe unserer Expedition wird er uns noch viel von seinen Abenteuern erzählen.

Leinen los!

Doch jetzt, nach obligatorischer Seenotrettungsübung, heißt es erst mal: „Leinen los!“ Bei strahlendem Sonnenschein laufen wir am frühen Abend aus. Alle Arktisfreunde sind natürlich an Deck und fotografieren die bunte Kulisse von Aasiaat.

Blasender Buckelwal

Blasender Buckelwal

Finnwal in Grönland

Finnwal in Grönland

Typisch für diese Region sind die Häuser in den unterschiedlichsten Farben gestrichen. Am häufigsten sind wohl Rot, Blau, Gelb und Grün, aber auch mal Lila. Kasper erzählt, dass es keine feste Regel gibt, welche Farbe man auswählt. Nur die eine: nehme immer eine andere Farbe als dein Nachbar!

Kurze Zeit später sitzen wir beim Abendessen und wollen uns gerade Hühnchen „à la Bretagne“ mit Reis und Gemüse schmecken lassen, als Henryk über die Bordlautsprecher lautstark verkündet: „Wale voraus gesichtet!“ Das fängt ja gut an! Das Hühnchen muss warten. Ich glaube, auch Beverly – die hervorragende Köchin (Chef an Bord) aus England – hat dafür Verständnis, als alle wieder nach draußen stürmen.

Und tatsächlich, da sind sie! Buckelwale! In der klaren und kühlen Luft kann man besonders schön den buschigen und bis zu drei Meter hohen Blas sehen. Ich merke, wie ich eine Gänsehaut bekomme. Wale und Delfine lösen wohl bei jedem Menschen unbeschreibliche Glücksgefühle aus … bei mir auf jeden Fall!

Obwohl die Meeressäuger relativ weit vom Schiff entfernt sind, kann man in der Bucht ganz deutlich das einmalige Geräusch beim Ausatmen hören. Buckelwale können eine Länge von bis zu 18 m erreichen (wobei die Weibchen etwas größer als die Männchen sind) und wiegen zwischen 25 und 30 Tonnen. Sie ernähren sich von Krill und anderem tierischen Plankton sowie kleineren Schwarmfischen. Ihr Gesamtbestand wird auf ca. 12.000 bis 15.000 Tiere geschätzt. Die Art ist streng geschützt.

Nach diesem tollen Start wenden wir uns nun wieder – zur Freude von Beverly – dem Hühnchen zu.

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